Zu viel Zeit zum Denken

Vor einigen Tagen ist mir eine junge Frau eingefallen, die ich vor Jahren in Neuseeland getroffen habe. Wir sind uns damals im Hostel begegnet. Sie war auch Deutsche, hat in Deutschland als Gärtnerin gearbeitet und war nun zum Urlaub in Neuseeland. Ich weiß nicht mehr, wie lange sie dort war und was sie gemacht hat, aber an eines erinnere ich mich genau. Sie sagte, sie hätte seit langem endlich wieder zu viel Zeit – zu viel Zeit zum Denken. Und sie sagte ihre Familie hätte sie genau davor gewarnt. Aber warum sollte man vor so etwas gewarnt werden? Damals habe ich es nicht verstanden.

Seit einem halben Jahr kann ich sie sehr gut verstehen. Anfang des Jahres habe ich meine letzten Prüfungen für den Master geschrieben und hatte dann einen Monat frei bevor es mit der Studien- und Masterarbeit weiter ging. Und momentan ist durch die Sommerzeit im Büro super wenig zu tun. Ich hatte und habe also viel Zeit – viel Zeit zum Denken. Und auch ich habe jetzt diese Warnung gehört. Und jetzt kann ich sie verstehen. Die Warnung ist berechtigt. Aber ist es schlecht zu denken oder ist es im Gegensatz vielleicht sogar nötig, ab und zu still zu stehen und den Blick schweifen zu lassen?

Ich habe in den letzten sechs Monaten jede Menge Blogs gelesen, Videos angesehen und Bücher gelesen, die mir tausend neue Ideen gegeben haben! Alles fing an mit dem Buch „The one straw revolution„. Dann habe ich jede Menge Ted Talks (einfach mal bei Google eingeben) gehört von dutzenden super inspirierenden Leuten – Minimalismus, Tiny Houses, Permakultur, Meditation, Umweltverschmutzung, Erneuerbare Energien. Besonders Minimalismus und Tiny Houses haben es mir angetan. Stellt euch mal vor, man hat nur ein winziges Haus auf Rädern: man wäre mobil, man würde so viel Geld sparen und man müsste so wenig putzen 😉 Und vor allem würde man viel mehr raus gehen und nicht immer nur vorm PC und Fernsehen hocken. Wochenlang habe ich mir fast nur Videos von Tiny Houses angeschaut, YouTube ist voll damit!

Ich habe Blogs gelesen von Minimalisten, Weltenbummlern, Aussteigern, Wissenschaftlern, Ingenieuren, Müllvermeidern, Unternehmensgründern, Köchen, Landwirten und … Keine Themen waren vor mir sicher, auch nicht Konsumpsychologie, die Börse, Politik und vegane Ernährung.

Irgendwie sind manche dieser Ideen schon seit einigen Jahren da, aber ich glaube ich hatte nie wirklich so viel Zeit wie in den letzten Monaten – nie so viel Zeit zum Denken und nie zuvor war ich so bereit für neue Ideen.

Bisher dachte ich immer, dass ich ziemlich umweltfreundlich lebe, ich fahre schließlich jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit. Aber ein aufmerksamer Blick in meinen Kühlschrank hat gereicht und ich habe nur noch Plastik gesehen. Meine Tiere sollen ein gutes Leben haben, aber beim Grillen mit Freunden greife ich sehr gerne auch zum konventionellen Fleisch ohne Nachzudenken.Es gibt Zahnbürsten mit Bambusgriff und waschbare Binden für Frauen, im riesigen Marktkauf in Lemgo gibt es nur einen Nudelhersteller, der ohne Plastik verpackt und es gibt einen Demeterbetrieb in Bad Salzuflen der Gemüseabokisten ausliefert.

Das sind nur einige wenige Ideen und neue Erkenntnisse, die ich in dem letzten halben Jahr gesammelt habe. Die Warnung vor zu viel Denken ist also berechtigt. Aber es ist keine Warnung vor Gefahr. Eher eine Warnung, dass man bereit sein muss, für das was danach kommt – die tausend neuen Ideen, das Hinterfragen gesellschaftlicher Normen und das man sich unwiderruflich verändert.

Ich wünsche jedem zu viel Zeit zum Denken und viel Mut und Ausdauer für das, was danach kommt!!!

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