Von einer, die auszog, das Scheren zu lernen

Der Traum vom Schafe scheren

Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich vor nun 5 Jahren aus Neuseeland wiedergekommen bin. Ich hatte in Neuseeland etwa 6 Monate auf Schäfereien verbracht und dachte, dass ich mich jetzt voll auskennen würde. Das einzige was mir meiner Ansicht nach noch fehlte, war es zu lernen Schafe zu scheren. Ich habe kurz nach meiner Rückkehr auch erfahren, dass ein Nachbar aus Retzen Schafe hält, was mir die Jahre vorher nie aufgefallen ist. Und so bin ich kurz nach meiner Rückkehr naiv zu ihm hin gelaufen, habe bei ihm geklingelt und gefragt, ob er mir beibringen könnte, Schafe zu scheren. Mein Nachbar hätte glaube ich am liebsten angefangen zu lachen, hat sich das aber gut verkniffen. Er hat mich dann an jemand anderes weitergeschickt, bei dem ich aber nie angerufen habe. Mir wurde in dem Moment klar, dass ich das ganze falsch angegangen war.

Und so habe ich mir einen wwoofing Hof in Deutschland gesucht. Die Schäferei von Chistian Paulus in der Nähe von Gifhorn. Dort habe ich in den letzten Jahren immer mal wieder in den Semesterferien gearbeitet und erst einmal die Schäferei in Deutschland kennen gelernt. Dabei begriff ich erst, wie groß die Unterschiede im Vergleich zu Neuseeland wirklich waren. In Neuseeland ist das Klima auf den Höfen rauer, das Leben härter, die Höfe isolierter und es sind viel viel mehr Tiere da. All das war eine große Umstellung für mich.

Den Traum, Schafe scheren zu lernen, habe ich aber nie aufgegeben. Ein Jahr nachdem ich zurück in Deutschland war, habe ich mich bei einem Scherkurs der Landwirtschaftkammer Niedersachsen angemeldet. Ich muss ein sehr witziges Bild abgegeben haben. Michael Gertenbach, der Seminarleiter, fragte mich, warum ich Schafe scheren lernen wollte. Ich hatte aber weder eigene Tiere noch war ich sesshaft genug, um für andere Leute Schafe zu scheren und mir einen eigenen Kundenstamm aufzubauen. Ich wollte es einfach nur lernen. Mit dieser Motivation war ich die einziege Teilnemerin auf dem Lehrgang und ich war mit Abstand die jüngste Teilnehmerin und die schnellste Lernerin. Michael fragte bald, warum mich die Farmer in Neuseeland nicht abgeworben hätten dort zu bleiben. Ich konnte ihn beruhigen, dass einer es tatsächlich versucht hatte. Wäre er jünger gewesen, wäre ich dort geblieben. Bei Chris, dem Menschen, der mich mit am stärksten in meiner Zeit in Neuseeland geprägt hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

Als Frau unter Schafscherern

Da stand ich dann also, ich konnte scheren, hatte aber weder Schermaschine noch Schafe. Meine einzige Hoffnung war die Schäferei von Chistian Paulus. Und ich hatte tatsächlich Glück und konnte zwei Wochen später zu ihm auf den Hof zum Schafe scheren kommen. Er hatte eine nagelneue Maschine, die er bisher noch nicht eingeweiht hatte und die ich nun benutzten durfte. Christian lässt seine Schafe immer von einer Truppe aus Polen scheren. Ich glaube, ihr ahnt schon in etwa wie das ablief. Stellt euch folgende Szene vor:

Eine Wiese voll mit 1000 blöckenden Schafen, die dich an dicht stehen. Der einzige Ausweg für die Schafe ist vorbei an den Scherern. Die sechs Scherer stehen nebeneinander an einem Zaun, fünf große polnische Männer mit einem Kreuz wie Ochsen, dreckig von Schweiß, Staub und Wollfett, die vornüber über ein Schaf gebeugt stehen, das sie mit den Knien festhalten, und dies blitzschnell scheren, dazu werden jede Menge Scherze auf polnisch ausgetauscht. Ganz hinten in der Reihe steht eine Frau, die versucht die Schafe so elegant festzuhalten und zu drehen, wie die anderen, bei der es aber eher so aussieht als würde sie mit den Tieren ringen. Eine Frau, die sich jede Menge Sprüche von den anderen anhören muss, weil sie in diese Männerwelt eingetaucht ist. Eine Frau, die am Ende des Tages überglücklich über einen schmerzenden Rücken und 40 geschorene Schafe ist, während die anderen 150 Tiere und mehr geschafft haben.

Seitdem versuche ich, so oft wie möglich bei Christian zum Scheren zu sein. Langsam kennen die anderen Männer mich, fragen nach mir und bieten mir einen Platz zwischen ihnen und nicht mehr am Ende der Reihe an und gemeinsam arbeiten und schwitzen wir bei 30°C im Schatten und befreien die Schafe von ihrer Wolle. Seit letztem Jahr schere ich auch für Hobby-Schäfer. Dort sind dann nur eine handvoll Tiere zu scheren. Der Aufwand pro Tier ist viel größer, aber dafür lernt man dabei die verschiedensten Hobby-Schäfer und ihre Tiere kennen. Aber diese langen Schertage mit einer Truppe erfahrener polnischer Scherer ist jedes Jahr wieder ein besonderes Ereignis.

Sehnsucht nach der Schafschur

Da stellt sich die Frage, warum man sich das antut, als Mann und gerade als Frau. Ich kann nur sagen, seit ich das erste Mal in Neuseeland gesehen habe, wie ein Schaf geschoren wurde, wollte ich das auch lernen. Und seitdem ich es kann, will ich nicht mehr damit aufhören. Wenn im Sommer schönes Wetter ist, meine Schermaschine startklar ist und die Schafe bereit stehen, junkt es mich regelrecht in den Fingern. Beim Scheren vergesse ich dann alles um mich. Dann denke ich nur daran, ob die Maschine optimal läuft und wie ich das Schaf halten muss, um die Wolle sauber und ohne Verletzungen vom Schaf zu bekommen. Während ich schere schmerzt mein Körper, aber in mir drin bin ich ruhig und überglücklich. Für andere Menschen ist das schwer zu verstehen, und viele finden die Schafe hinterher auch hässlich. Für mich ist ein sauber geschorenes Schaf aber eins der hübschesten. Ich kann einer Bekannten von mir nur zustimmen, die einmal sagte:

Once a shearer, always a shearer! Einmal ein Schafscherer, immer ein Schafscherer!

Ich schere nach der neuseeländischen Bodenschur-Methode

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